Die Projektabwicklung für Gebäude Automation (GA) in stark regulierten Bereichen wie GMP (Good Manufacturing Practice), ISO-Reinräumen und ATEX-Zonen (Explosionsschutz) unterscheidet sich fundamental von Standardprojekten. Jede Phase – von der ersten Spezifikation bis zur Übergabe – ist
von lückenloser Dokumentation, Risikomanagement und strenger Qualitätssicherung geprägt.
Projektvorbereitung und Spezifikation (URS)
Die wichtigste Phase, um spätere kostspielige Änderungen zu vermeiden.
- User Requirement Specification (URS): Der Bauherr definiert was die Gebäudeautomation leisten muss.
- GMP: Definition von kritischen Prozessparametern (CPP) wie Raumtemperatur, relative Feuchte und Raumdruck kaskaden.
- ISO: Vorgaben zur Partikelkonzentration und Luftwechselraten.
- ATEX: Zoneneinteilung (z. B. Zone 1/21 oder 2/22) und Definition der Gase/Stäube.
- Risikoanalyse (RA): Systematische Bewertung (z. B. per FMEA), welche Automationskomponenten Einfluss auf die Produktqualität (GMP) oder die Anlagensicherheit (ATEX) haben. Hieraus leitet sich der Qualifizierungsumfang ab.
Design und Engineering (FDS / DDS)
In dieser Phase wird festgelegt, wie die Anforderungen technisch umgesetzt werden.
- Functional Design Specification (FDS): Detaillierte Beschreibung der Software- und Regellogiken (z. B. Schleusensteuerungen, Notabschaltungen).
- Hardware Design Specification (HDS / DDS): Auswahl qualifizierter Komponenten.
- ATEX-Konformität: Auswahl von eigensicheren Bauteilen (Ex-i), druckfesten Kapselungen (Ex-d) und die Einplanung von Zenerbarrieren oder Trennschaltverstärkern im Schaltschrank (außerhalb der Ex-Zone).
- GMP/ISO: Kalibrierbare Sensorik mit hoher Langzeitstabilität und schnellen Ansprechzeiten.
- Design Qualification (DQ): Formelle Prüfung, ob das geplante Design alle regulatorischen Anforderungen der URS erfüllt.
Beschaffung und Schaltschrankbau (Hardware)
- Schaltschrankbau: Trennung von Standard-MSR-Technik und ATEX-Kreisen im Automations-schwerpunkt (ASP). Eindeutige Kennzeichnung und Trennung eigensicherer Leitungen (meist blaue Kabel/Klemmen).
- Materialnachweise: Einholen von Zertifikaten (z. B. ATEX-Konformitätserklärungen der Hersteller, Kalibrierzertifikate für GMP-Sensoren).
Software-Entwicklung und FAT
- GMP-konforme Software: Programmierung der Software nach GA-Funktionslisten und Regelungs-schemata nach GAMP 5. Die Software muss nachvollziehbar, modular und gegen unbefugte Eingriffe geschützt sein.
- Audit Trail und Datenintegrität: Die GA-Ebene für kritische Daten muss die Anforderungen von FDA 21 CFR Part 11 erfüllen.
- Factory Acceptance Test (FAT): Test der Software und der Schaltschränke beim Hersteller mittels Simulation, noch vor der Auslieferung auf die Baustelle.
Montage und Installation (IQ)
- Kabelzug und Montage: Strenge Überwachung des Kabelzugs in ATEX-Bereichen (korrekte Leitungsbündelung, Vermeidung von Funkenbildung, gasdichte Schottungen).
- Projekt Management, Bauleitung und Bauherrenvertretung: Überwachung von Kabelzug und Installation der Hard- und Softwarekomponenten auf der Feldebene, Automations- und Leitebene
- Installationsqualifizierung (IQ): Dokumentierter Nachweis, dass die Hardware korrekt und normenkonform eingebaut wurde (Abgleich von Typenschildern, Kalibrierprotokollen und ATEX-Zertifikaten).
Inbetriebnahme und Funktionsprüfung (OQ)
- Loop-Check: Test jedes einzelnen Datenpunkts vom Feldgerät bis zur Management- und Bediensoftware (BMS / SCADA).
- Operational Qualification (OQ): Nachweis, dass das GA-System im vorgesehenen Arbeitsbereich ordnungsgemäß funktioniert.
- Stresstests: Was passiert bei Stromausfall? Greift die Notstromversorgung der GA?
- Sicherheitsketten: Schalten die Lüftungsanlagen bei einem ATEX-Alarm oder Brandfall sofort in den definierten Sicherheitszustand ab?
- Druckkaskaden: Reagiert die Regelung schnell genug, wenn Schleusentüren in ISO-Reinräumen geöffnet werden, um Kontaminationen zu verhindern?
Computer System Validierung (CSV)
Da moderne Gebäude Automation softwaregesteuert ist, greift hier die Computersystem-Validierung (CSV) nach GAMP 5 sowie die Einhaltung von FDA 21 CFR Part 11 / EU-GMP Annex 11 (Elektronische Aufzeichnungen und Unterschriften).
- Datenintegrität: Es muss nachgewiesen werden, dass GMP-relevante Daten (z. B. historische Trends, Alarmprotokolle) fälschungssicher gespeichert werden.
- Audit Trail: Jede Änderung an Parametern (z. B. Sollwertänderungen) muss automatisch, dauerhaft und personenzugeordnet aufgezeichnet werden.
- Software-Lebenszyklus: Validierung von der Code-Erstellung über den Akzeptanztest beim Hersteller (FAT) und vor Ort (SAT) bis hin zur Stilllegung.
Leistungsqualifizierung (PQ) und Übergabe
- Performance Qualification (PQ): Nachweis über einen längeren Zeitraum (z. B. 72 Stunden), dass die Gebäudeautomation die GMP/ ISO-Klimaparameter auch unter realen Produktionsbedingungen stabil hält.
- Qualifizierungsbericht und Freigabe: Zusammenfassung aller Testergebnisse. Erst nach erfolgreichem Abschluss darf die Anlage für die Produktion freigegeben werden.

